Veröffentlichungen:
Verzählt, Kurzgeschichte in der Anthologie:
Der Tod aus der Teekiste, Schreiblust-Verlag, 2006
ISBN: 978-3-9808278-8-1
Bloßes Wort + Olga, zwei Kurzgeschichten, SL Print 9,
Schreiblust-Verlag, 2007
bestellbar über www.schreib-lust.de
Schlafloser + Tagaus, tagein, zwei Kurzgeschichten, SL Print 10,
Schreiblust-Verlag, 2007
bestellbar über www.schreib-lust.de
Der Affe in uns, Kurzgeschichte, Spielen und Lernen, Heft 9, 2007
Blutrot, Kurzgeschichte, SL Print 12, Schreiblust-Verlag, 2008
Hannahs Witze, Kurzgeschichte, Spielen und Lernen, Heft 5, 2008
Zuckersüß, Kurzkrimi der Berliner Weihnachtskrimianthologie:
Böser die Glocken nie klingen, edition karo, 2008
Titelbild + Titelgestaltung: Katharina Joanowitsch
ISBN: 978-3937881-06-5
Zwei Appetithäppchen gefällig?
Lenis Backstübchen
Im lange Zeit leer stehenden Souterrain-Laden, hundert Schritte von uns entfernt, ist ein neuer Besitzer eingezogen. Durch die unverhüllte Schaufensterfront konnten wir über Wochen beobachten, wie sich der leere Raum langsam füllte, in seinen Stadien der Entwicklung Anlass zu unterschiedlichen Vermutungen gebend.
Nun ist er seit kurzem geöffnet und über ein vernünftiges Maß hinaus angefüllt mit Dingen alltäglicher Überflüssigkeit. LENIS BACKSTÜBCHEN steht in Schreibschriftlettern halbrund auf der Scheibe. Das wirkt urdeutsch und Hand gebacken. Betritt man jedoch das Stübchen, so verbeugt sich - unermüdlich lächelnd - ein Chinese, der, um die wenigen Brötchen- und Kuchensorten benennen zu können, die ihm von einer Großbäckerei geliefert werden, seinen Tresen mit bekritzelten Zetteln bespickt hat. Die übrigen angehäuften Waren sind eine abenteuerliche Mischung aus Hightech-Schnickschnack und chinesischem Zierrat, Zeitschriften, Tabakwaren, Eis und Getränke. Wir litten vor der Neueröffnung keinen Mangel an Bäckereien, doch da LENIS BACKSTÜBCHEN die Distanz zum nächsten Bäcker halbiert hat, kaufen wir dort unsere Samstagsbrötchen.
Herr Wong zeigte mir gestern stolz kleine, neu eingetroffene Porzellanbecher, verziert mit einem klassischen Drachenmotiv. Sie gefielen mir sehr und ich kaufte drei, schienen sie mir doch als Eierbecher geeignet. Das Frühstück verlief vergnügt, die bunten Drachenbecher gefielen Mann und Kind. Beim Abwasch jedoch ein Aufschrei der Tochter: "Mama! Bist du pervers?! " Voller Empörung hält sie mir einen nassen Drachenbecher entgegen und ich entdecke ein billiges PinUpGirl, das sich mir - der fassungslosen Betrachterin - aus dem Becherboden entgegenwölbt.
Herr Wong nickt strahlend, als ich ihm von unserer ‚Entdeckung' berichte.
"Schnapsbechel, lustig, odel?"
© 2007 Katharina Joanowitsch
* * *
Bloßes Wort
Dieses Wort!
Es beherrscht meinen Kopf. Kreist jagend. Ruht plötzlich und starrt mich an. Seit Tagen schon. Geht nicht weg. Trotz meiner Methode.
Meine Methode, ein störendes Wort zu beherrschen, ist folgende: ich schreibe es auf. Auf einen schlichten Zettel. Den hefte ich an die Wand. Da hängt es dann, das Wort, schwach bewegt vom Luftzug meiner undichten Fenster. Nun ist das Wort festgesetzt, gebändigt. Ich schaue es an. Ich ‚entkleide’ es, versuche alle Bedeutung fort zudenken, bis es nur noch aus einer Ansammlung von Buchstaben besteht. Und seine Macht verliert sich immer mehr. Nach ein paar Stunden, höchstens nach ein oder zwei Tagen kann ich den Zettel ohne Erregung fortwerfen. Leichter atmen.
Doch bald taucht ein neues Wort auf und alles beginnt von vorn.
Mit diesem Wort will es mir nicht so leicht gelingen. O b s e s s i o n . . .
Wie es schon – klingt! Beginnend mit einem warmen Laut, abfedernd auf einem weichen Konsonanten. Dann so ein Zischeln, fast im Kreischen gipfelnd. Als Endung ein dunkel ausklingender Ton. Sage ich es mehrmals laut hintereinander, scheint es in zwei extrem unterschiedliche Teile zu zerfallen.
Und wie es – aussieht! Schwierig für meine Finger, diese vielen Bögen und Kreise und geschlängelten Linien. Zuerst verschreib ich mich, weil ich Durst habe und ‚Obst’ denke. Das O gelingt mir nie rund genug. Die zwei ‚ss’ bieten meinem Stift hartnäckig Widerstand. Entweder geraten sie zu dicht und verhaken sich. Oder krümmen sich wie beleidigte Regenwürmer.
Auf einmal weiß ich nicht, wieso das Wort in meinen Kopf gekommen ist. Ich lese nur wenig, aus Furcht vor den hereinstürzenden Worten. Schon ein Gang zum Laden an der Ecke ist für mich eine Strapaze. Dieser Spießrutenlauf entlang aufdringlicher Plakate! Diese unerbetenen Aufforderungen! Meistens gehe ich mit gesenktem Blick. Meine Nachbarn finden das unhöflich, ich erkenne sie dadurch zu spät und grüße nicht richtig.
So – nun hängt das Wort gleich viermal im Zimmer, einmal an jeder Wand. Schwarz auf Weiß, Schwarz auf Rot, Weiß auf Schwarz, Rot auf Schwarz. Ich habe alle Fotos, den Kalender und sogar das kleine Lichtenberg-Portrait abgenommen, um reine Wände zu schaffen. Das Wort steht auf Bögen, so groß wie das wöchentliche Anzeigenblatt. Das lege ich darunter, damit sich die Schrift nicht durchdrückt auf dem hellen Tischholz. Leider färbt die Druckerschwärze etwas. Jeder Buchstabe bleibt als leise zitternder Schnörkel stehen. Fast wie Tropfen auf einer Scheibe. Merkwürdige Farbe. Das Schreiben hat mir gut getan. Auf Anraten meiner Ärztin soll ich meine Hände immer beschäftigen.
Mächtig ist das Wort, es scheint sogar zu wachsen. Beim Arbeiten habe ich einen Singsang entwickelt, der wie eine Gebetsmühle klingt. Jemand, der an meiner Tür lauscht, könnte denken, da sängen Zwei im Wechsel miteinander.
Heute glotzt das Wort mich richtig an. Die Buchstaben wölben sich langsam aus dem Papier, als ich auf dem Weg zur Küche bin. Sie scheinen mich aus vier Himmelsrichtungen zu belauern. Die scharfen Schatten wachsen oder schrumpfen, je nachdem wie sich die Buchstaben nach mir den Kopf verrenken. Während ich mich direkt vor das Wort stelle, es ist das Schwarz-auf-Weiße, zieht es sich langsam, wie verschämt, in die papierene Fläche zurück.
Als ich es heute kurz erwähnte – meine Ärztin schrieb mir gerade ein neues Rezept aus – lässt sie ihren Stift sinken und schaut mich skeptisch an. Sie rät mir eindringlich, die beschriebenen Blätter wieder abzunehmen und meine Wände mit meinen altvertrauten Utensilien zu schmücken. Ganz wichtig seien die Fotos, die mich an mein Leben erinnern. Gut. Dazu bin ich fest entschlossen. Den Rückweg gehe ich zuversichtlich.
Doch nachdem ich meine Wohnungstür zugezogen habe, umfängt mich die teppichflordicke Stille wie eine vertraute Lieblingsjacke. Hatte ich etwas beschlossen? Was? Als ich ins Zimmer komme, traue ich meinen Augen nicht. Die Schriftzettel sind kaum mehr zu erkennen, alles ist beschrieben. Nicht nur die Wände, auch das Sofa, der Sessel, die Stehlampe, der Sekretär. Selbst Sofakissen, Gummibaumblätter, Wollknäuel, Hauspuschen. Die Malpinsel finde ich noch eingetunkt im Farbeimer; Tropf- und Kleckerspuren durchkreuzen den Teppichboden schwarz und rot. Der reinste Jackson Pollock. Die unzähligen O-s und S-s, die dazwischen gequetschten b-s und e-s und i-s und n-s. Wie in jagendem Rhythmus geschrieben, in engen Schlaufen gepinselt, wütend eingeritzt. Als ich überrascht die Hände vors Gesicht schlage, bemerke ich rote und schwarze Farbspritzer an meinen Handgelenken. ...
Habe ich heute überhaupt schon eine Tablette genommen? Ich weiß es nicht. Seitdem ich die Beschriftung von den Pillendosen kratze, verwechsele ich sie womöglich mit den anderen Dosen.
Es macht Spaß. Ich habe die Heizung hochgedreht, damit mir nicht kalt wird. Schreiben auf nackter Haut ist schwierig, bin zu knochig dafür, der Pinsel rutscht immer ab. Auf Brust und Bauch versuche ich es blind, dann vorm Spiegel linksrum. Sieht ziemlich vermurkst aus im Gesicht. Für den Rücken hab’ ich mir was Pfiffiges ausgedacht: ich schreib’ das Wort auf den Teppichboden und wälze mich drüber. Geht einwandfrei. He, ich kann mich sogar mehrfach ‚bestempeln’!
Gerade geht die Türglocke. Wirkt der Apothekenbote etwas irritiert? – obwohl ich mich doch in ein Badetuch gewickelt habe.
Gerade habe ich den letzten Buchstaben auf der neuen Dose weggefeilt, klingelt es wieder. Zwei sehr freundliche Männer wollen mich zu einer Ausfahrt überreden. Hatte ich sie bestellt?
© 2007 Katharina Joanowitsch
Der Text ist '07 in der Schreiblust-Print 9 des Schreiblust Verlages erschienen. Bei der ersten Veranstaltung der Lesereihe des Literaturhaus Hamburg e.V. "Perlen vor die Säue" am 29.04.2008 gewann ich mit ihm den 1. Platz (Publikumsvotum, Moderatoren: Friederike Moldenhauer, Paul Kersten).
